Manila/Berkeley/Genf/Karlsruhe,
14. Juli 2003.
Mehr als 235 Gruppen aus 62 Ländern
machen heute gegen Müllverbrennung
mobil, um die Aufmerksamkeit ihrer
Regierungen darauf zu lenken, daß
die Zeit dieser umstrittenen Technologie
trotz leidenschaftlicher Versuche
der Müllverbrennungsindustrie,
ihre Öfen unter dem Etikett
erneuerbarer Energie oder moderner
thermischer Systeme umzudeklarieren,
abgelaufen ist.
Am
Montag, dem 14. Juli 2003 um 14:30
wird von Ingo Gödeke im Namen
der GAIA ein symbolischer alternativer
Abfallwirtschaftsplan am Hauptgebäude
der ENBW AG in Karlsruhe an die
Firma ausgehändigt. Da das
THERMOSELECT Debakel von uns vorhergesehen
wurde und bereits auf der diesjährigen
Hauptversammlung der Aktionäre
im Frühjahr angesprochen wurde,
sind alternative Lösungen bereits
gedanklich vorbereitet. Dies wird
nun aktiviert und als Teilnahme
an der konzertierten weltweiten
Aktion umgesetzt.
"Um
mit wachsender Verzweiflung das
Überleben ihrer sterbenden
Technologie zu sichern, mühen
sich Müllverbrennungswerber,
ihre Technologien neu zu verpacken
und weiterzuentwickeln, dabei verschiedene
Arten der Schönfärberei
zu benutzen, die Müllverbrennungsanlagen
als saubere, erneuerbare Energiequellen
zu bezeichnen oder zu behaupten,
sie hätten "neue"
Verbrennungsvariationen wie Pyrolyse
und Müllvergasung, es bleibt
aber beim selben alten und zweifelhaften
Verfahren," sagte Ann Leonard,
Co-Koordinatorin der weltweiten
Allianz für Verbrennungsalternativen
(GAIA), die 375 Gruppen und Gemeinschaften
aus 77 Ländern, die das Verbrennen
und Verschwenden bekämpfen,
vereinigt.
Die
gemeinsamen und gleichzeitigen Protestaktionen
setzen weltweit ein Zeichen der
Aufmerksamkeit auf den zweiten weltweiten
Aktionstag gegen Müllverbrennung,
die bei weitem umfangreichste Demonstration
öffentlichen Widerstandes in
globalem Maßstab. Unter Federführung
der GAIA beabsichtigt der jährliche
Aktionstag gegen Müllverbrennung,
die Gesundheits- und Umweltprobleme,
ökonomischen und sozialen Probleme
ins Rampenlicht zu stellen, die
mit Müllverbrennung und anderen
umweltverschmutzenden Abfallwirtschaftspraktiken
verbunden sind, und machen gleichzeitig
Werbung für sichere und nachhaltige
Alternativen für die Müllvermeidung
und den Umgang mit den Abfällen
der Gesellschaften.
"Die
heutigen Aktionen sind klare Manifestationen
eines wachsenden weltweiten Widerstandes
gegen Müllverbrennungsanlagen
und andere schmutzige Müllentsorgungspraktiken.
Mit Ausnahme wohl der Atomkraftnutzung
hat kaum eine andere Technologie
einen solch vehementen Widerstand
von Bürgern und Vereinigungen
weltweit hervorgerufen. Aus diesen
und anderen guten Gründen sollten
Regierungen und Kommunen dem endlich
weltweit Rechnung tragen und sichere
und nachhaltige Alternativen zur
Müllverbrennung implementieren.
Müllverbrennung ist nicht nur
für die angeschlossenen Kommunen
häufig eine Kostenfalle, auch
Korruption bei Planung und Bau ist
gang und gäbe, wie der jüngst
publizierte Bericht des Innenministeriums
Nordrhein-Westfalen belegt. Der
Bericht ist offenbar derart explosiv,
daß er vollständig nur
wenige Stunden online verfügbar
war. Alternative Müllaufbereitungsverfahren
wie beispielsweise das Tiefstkälteverfahren
von Prof. Rosin werden systematisch
von der Müllverbrennungsindustrie
ins Aus gedrängt," stellt
Ingo Gödeke von der GAIA anläßlich
des Aktionstages fest. Zum anstehenden
Ausstieg aus der THERMOSELECT Müllverbrennung
führt er aus: "THERMOSELECT
liefert in aller Aktualität
in Karlsruhe ein Paradebeispiel
für leere Versprechen der Müllverbrennungsindustrie.
Der in Locarno beheimatete Lizenzvertreiber
und Anlagenlieferant THERMOSELECT
S.A. verklagte Kritiker mit bösartiger
Hartnäckigkeit und versuchte
auch bei Ausschreibungen nach Nichtberücksichtigung,
wie beispielsweise in Nürnberg,
den Klageweg. Aus einem ursprünglichen
Anlagenpreis in Karlsruhe von 122,7
Millionen EUR wurden rund 400 Millionen
EUR mit Umbauten, Reparaturen und
Nachrüstungen, der Verlust
für den Energiekonzern ENBW
AG wird mit 200 Millionen EUR beziffert.
Pleiten - Pech - und Pannen - und
nun auch das finanzielle Desaster.
Die Werbung aus Verbania und Locarno,
ein abwasserfreies, umweltschonendes
Entsorgungsverfahren "erfunden"
zu haben, war ebenso unwahr wie
das Versprechen, eine "schlüsselfertige"
Anlage liefern zu können. Die
Realität sieht völlig
anders aus: vier Jahre lang wurde
Abwasser in nicht genehmigter Menge
in den Rhein geleitet, im Jahr 2002
waren dies rund 118.000 Tonnen bei
100.211 Tonnen Mülldurchsatz,
also mehr als eine Tonne Abwasser
pro Tonne verbranntem Müll.
Der sekundäre Abfallstrom neben
dem Abwasser ist beachtlich: Jährlich
rund 3.375 Tonnen schadstoffbelastetes
Mischsalz aus der Abgasreinigung,
450 Tonnen belasteter Schwefel,
263 Tonnen belastetes Altadsorbens,
2.250 Tonnen Metallhydroxid und
rund 57.000 Tonnen Schlacke aus
den Reaktoren jährlich sprechen
nicht gerade für Abfallbeseitigung.
Fernwärme, wie vertraglich
zugesichert, wurde nicht in das
öffentliche Netz eingespeist,
es mußte im Jahr 2002 eine
Zufeuerung von 17 Millionen Kubikmetern
Erdgas eingesetzt werden, das Versprechen
"Energie aus Müll"
ebenso geplatzt wie die Durchsatzleistung
von 225.000 Tonnen pro Jahr. Die
Dauerbetriebsgenehmigung durch das
RPKA nach Testbetrieb unter Teillast
und mit schadstoffarmem Müll
war u.E. immissionsrechtswidrig
erteilt worden. Allein die jährlichen
Reparaturkosten des Feuerfestmaterials
der Reaktoren von 20 Mio EUR machen
bei, ohnehin nicht erreichbarer,
Volllast von 225.000 Tonnen jährlich
mehr als 50% der Müllgebühreneinnahmen
aus. Daß dies sowohl anlagentechnisch
als auch ökonomisch vorhersehbar
war und jetzt die große Ernüchterung
eintritt, nützt im Nachhinein
nichts. Nun sind weitsichtige Lösungen
ohne Verbrennung gefragt. Als Interimslösung
ist die Optimierung vorhandener
Potentiale gefragt: an erster Stelle
Müllvermeidung, beginnend bereits
bei der erzeugerverantwortlichen
Produktion von Konsumartikeln, für
Karlsruhe die mit geringen Investitionen
mögliche Verdoppelung der Kapazität
der vorhandenen Biovergärungsanlage
bei gleichzeitiger Einführung
der Pflichtbiotonne und optimierter
getrennter Müllsammlung, unterstützt
durch das Abfallamt, ermöglichen
eine verbesserte Abschöpfung
verwertbarer Anteile des Restmülls.
Längerfristig wäre eine
mechanisch-biologische Abfallverwertungsanlage,
beispielsweise nach dem technisch
ausgereiften ISKA-Verfahren am Standort
Karlsruhe eine Werbung für
die Technologieregion und die ENBW
AG. Neben günstigen ökonomischen
Grundlagen für die Anlageninvestition
im Vergleich zu Müllverbrennung
ist ein solches Verfahren auch gebührenpreisflexibler
in der Durchsatzmenge angesichts
stetig rückläufiger Restabfallmengen.
Dezentrale, gut organisierte Entsorgung
würde Mülltransporte über
große Strecken und die damit
verbundenen Transportkosten und
-emissionen vermeiden."
Öffentlicher
Widerstand hat weltweit viele geplante
Müllverbrennungsanlagen verhindert
und die Stilllegung vieler Müllöfen
erzwungen. Eine starke Umweltbewegung
hat beispielsweise in den U.S.A.
in den zurückliegenden 15 Jahren
mehr als 300 geplante Hausmüllverbrennungsanlagen
verhindert. In Japan, dem müllverbrennungsintensivsten
Land der Erde hat Druck der Öffentlichkeit
zur Stilllegung von mehr als 500
Müllverbrennungsanlagen in
den vergangenen Jahren geführt.
Gesetzgebungen in 15 Ländern
haben teilweise Verbote gegen Müllverbrennung
verabschiedet und ein Land, die
Philippinen, hat sämtliche
Müllverbrennung verboten.
Die
heutigen Aktionen fallen mit dem
ersten Tag des Treffens des siebenten
regierungsübergreifenden Beratungskommittes
(INC 7) zur Stockholmer Konvention
zu langlebigen organischen Schadstoffen
(POPs) zusammen. Die ratifizierte
Konvention zielt auf die Abschaffung
der meisten wissenschaftlich bekannten
langlebigen organischen Schadstoffe
einschließlich der krebserzeugenden
Dioxine und Furane ab.
Die
Konvention bezeichnet alle Arten
von Müllverbrennungsanlagen
einschließlich Zementöfen
mit Sondermüllmitverbrennung
als wesentliche Quellen von Dioxin-
und Furanemissionen, PCB-Emissionen
(polychlorierte Biphenyle) und fordert
den Gebrauch anderer Techniken,
um die Erzeugung dieser ungewollt
entstehenden Schadstoffe zu verhindern.
Das Umweltprogramm der Vereinten
Nationen (UNEP) berichtet, daß
Müllverbrennung für 69%
der Gesamtdioxinemissionen weltweit
verantwortlich ist.
Die
GAIA hat heute den Report "Müllverbrennung
- Eine sterbende Technologie"
herausgegeben, der erläutert,
warum Müllverbrennungsanlagen
eine nicht nachhaltige und veraltete
Methode im Umgang mit Müll
sind. Der GAIA Report stellt fest,
daß Müllverbrennung eine
sterbende Technologie ist. Als Müllbehandlungstechnologie
ist sie unzuverlässig und erzeugt
einen sekundären Abfallstrom,
der erheblich gefährlicher
ist als der ursprüngliche Müll.
Als eine Energieerzeugungsmethode,
ist sie uneffizient und verschwendet
Ressourcen. Als ein Werkzeug zu
ökonomischer Entwicklung sind
sie eine Katastrophe, die die lokalen
Gemeinschaften um Geld erleichtert
und nur wenige, dafür aber
gefährliche Arbeitsplätze
schafft.
Die
diesjährige Aktion übertrifft
von der Teilnehmerzahl die des letztjährigen
weltweiten Aktionstages gegen Müllverbrennung,
der 126 Gruppen aus 54 Ländern
zusammengebracht hatte.
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Ingo
Gödeke, chemistrian in retirement
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mail: master@goedeka.de
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